"Olympische Spiele – Wie ich sie sehe!"

Fallanalysen zu Bildern des Mal- und Zeichenwettbewerbs der DOA

Schuelermal 2008Der im Rahmen der Olympischen Spiele alle vier Jahre ausgeschriebene Mal- und Zeichenwettbewerb „Olympische Spiele – Wie ich sie sehe!" bietet Kindern und Jugendlichen eine Möglichkeit, diese Thematik bildnerisch zu verarbeiten. Wie sich im Rahmen von Falluntersuchungen gezeigt hat (Anm. 1), kann dies auf sehr unterschiedliche Weise und mit ganz verschiedlichen Schwerpunkten geschehen.

 

Beispielsweise:
- die Darstellung und der empathische Nachvollzug von Emotionen anhand von Siegern und Verlierern;
- die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen im Gastgeberland;
- die Empfindung und Darstellung von Körper und Bewegung, etwa beim Schwimmen oder in der Leichtathletik;
- der Einfluss der Medien auf die Wahrnehmung eines globalen, sportlichen Großereignisses;
- die Bedeutung von Nationalität für die Entwicklung der individuellen und kulturellen Identität Heranwachsender.

Der vorliegende Beitrag gibt exemplarische Einblicke in Untersuchungsergebnisse zur Interpretation von Bildern aus dem Mal- und Zeichenwettbewerb „Olympische Spiele – Wie ich sie sehe!" aus Anlass der Olympischen Sommerspiele in Peking 2008. Der Wettbewerb wird ausgeschrieben und durchgeführt von der Deutschen Olympischen Akademie und unter anderem unterstützt vom BDK, Fachverband für Kunstpädagogik (www.bdk-online.info) (Fritzsche 2009).

Prolog: Funktionen der Kinderzeichnung
Der Kinderzeichnung bzw. der Malerei von Heranwachsenden kommen – grundsätzlich gesehen – drei Funktionen zu, nämlich Ausdruck, Mitteilung sowie Darstellung (Wichelhaus 1984 S. 14; Richter 1997 S. 368). Ausdrucksqualität, Darstellungsqualität und Mitteilungsqualität sind nicht separat voneinander zu betrachten, sondern in Bezug auf die Kinder- oder Jugendzeichnung bilden sie eine Schnittmenge; das heißt, in jeder Zeichnung lassen sich diese drei Aspekte in verschiedenen Anteilen ermitteln – und doch sind sie getrennt zu behandeln. In unterschiedlichen Altersphasen des zeichnenden Kindes bzw. Jugendlichen dominiert entweder die eine oder die andere dieser drei Qualitäten.

Herrscht in der frühen Kindheit noch (a) die Ausdrucksqualität vor – die Darstellung eines Menschen wird gestisch-expressiv auf das Wesentliche reduziert –, so gewinnt mit zunehmendem Alter (b) die Mitteilungsqualität an Bedeutung. Die Zeichnung ist hier dann primär ein Kommunikationsmedium, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und die eigene Sicht der Welt und der Dinge zu äußern. Zum Ende und nach der Grundschulzeit in Richtung Pubertät richtet sich das Kind selbst immer stärker nach dem Kriterium (c) der Darstellungsfunktion aus; im Vordergrund steht nun häufig der Anspruch der naturalistischen Wiedergabe (Wichelhaus 1984, S. 16), etwa des menschlichen Körpers und seiner Proportionen. Hierbei muss zugleich angemerkt werden, dass selbstverständlich Zeichnungen aus der Jugendphase auch eine hohe Ausdrucksqualität haben können; beispielsweise wenn surreale und existenzielle Themen verarbeitet werden. Dies ist jedoch kein Einwand gegen das Modell, sondern bestätigt Schaubild 1, da alle drei Qualitäten in fast jeder Zeichnung vorhanden sind. Im Prozess des Malens und Zeichnens findet eine handelnde und kognitive Auseinandersetzung mit der Umwelt, mit den Mitmenschen und sich selber statt.

Im Folgenden werden exemplarisch einige Forschungsergebnisse zu Zeichnungen und deren Themen aus dem oben genannten Wettbewerb anhand von drei eingereichten Bildern vorgestellt. Die hier aus Gründen des Umfangs nicht detailliert wiedergegebene, schrittweise Analyse erfolgte nach dem „Modifizierten Ansatz zur Charakterisierung der Stufen der Kinderzeichnung" (Seidel 2007, S. 97ff.).

Darstellung von Emotionalität
Abbildung 1Der unmittelbare Eindruck zur Zeichnung des 6 Jahre und 4 Monate alten Benjamin (Abb. 1) ist geprägt von zwei Bereichen, nämlich erstens der Darstellung von Menschen unten links im Bild und zweitens vom Bereich der vielen Flaggen im vor allem oberen Teil des Bildes. Sowohl die Menschen als auch die Flaggen werden nach dem Prinzip des sogenannten Streubilds (Richter 1997, S. 80f.) weitgehend gleichmäßig über das gesamte Bild verteilt. Es gibt keine Ballung von Bildelementen durch Überschneidungen; dies ist ein typisches Merkmal für diese Altersphase, denn Überschneidungen würden zu einer gewissen Uneindeutigkeit für das Kind führen. Sehr gut zu erkennen ist das bei den drei Figuren auf den Podesten: Die nach oben gereckten Arme und Hände sind trotz ihrer Dynamik sorgsam nebeneinander gezeichnet; sie überschneiden oder verdecken sich nicht gegenseitig.

Ein weiteres Prinzip, die Addition einfacher formaler Mittel, lässt sich an Benjamins Zeichnungen gut ablesen. Es steht völlig im Einklang mit der zeichnerischen Entwicklung in diesem Alter. Einzelne ähnliche geometrische Formelemente werden zusammengefügt: etwa die rechteckige Kastenform (Beine, Podest, Flaggen) oder der Kreis und Halbkreis (Oberkörper, Kopf, Handteller, Medaille) oder der kleine Kreiskritzel (Schuhe, Handteller, Finger, Augen, Medaille).

Insgesamt wird der erste Eindruck durch diese Klarheit bestimmt, zugleich entsteht durch die dynamische Haltung der Arme, durch die teils impulsive Strichführung, durch den Anteil vieler leuchtend bunter Farben sowie durch das „Flaggenmeer" der Anschein eines gewissen Trubels, das ein solches Großereignis wie die Olympischen Spiele mit sich bringt und welches sich auch durch die Medienrezeption beispielsweise optisch und akustisch vermittelt.

Nach dieser kurzen formalen Einordnung sollen nun die Inhalte der Zeichnung des sechsjährigen Benjamin thematisiert werden: Da die mittlere der drei Personen auf dem Podest über lange Haare verfügt, lässt dies vermuten, dass es sich um die Darstellung einer Sport-Disziplin der Frauen handelt. Alle drei Personen sind zwar nicht mit der selben Merkmalsvielfalt ausgestattet, aber jeweils mit einer Medaille. Mit einfachen Mitteln wird die Unterscheidung der Bedeutung der drei Personen klar dargestellt. Abgestuft – im wörtlichen Sinne durch die Höhe der Podeste – lassen sich die Person mit der (deutlich farblich differenzierten) Goldmedaille, die zweitplatzierte Person und die drittplatzierte Person vom Betrachter leicht bestimmen. Auch der Detaillierungsgrad, mit dem die Figuren gezeichnet sind, verweist auf deren Bedeutung. Gleiches gilt für die Größe der Personen selbst. Ein weiteres, freilich vom Kind unbewusst gesetztes Merkmal ist auffällig: Im Bereich des Oberkörpers der Siegerin finden sich alle drei Grundfarben, nämlich Blau, Rot und Gelb. An keiner anderen Stelle im Bild sind die Grundfarben zusammengebracht, nur hier. Die Brust der Siegerin mit Medaille ist somit in farblicher Hinsicht klar das optische Bildzentrum. Die drei Sportler trennt die polnische Flagge von einem vierten Menschen, der rechts im Bild auf einem Gefährt sitzt oder steht. (Anm. 2)

Durch eine Recherche aufgrund der Bildelemente lässt sich die Sportart klar bestimmen: Benjamins Zeichnung thematisiert die olympische Disziplin BMX, die 2008 erstmals aufgenommen wurde und mit einem französischen Doppelsieg der Frauen endete. Die gehisste französische Flagge auf der linken Seite verweist auf dieses Ereignis.

Im Hinblick auf die Darstellung von Emotionen sind insbesondere die folgenden Merkmale festzuhalten: Eine Vielzahl an Objekten sowie intensive Farbkontraste und starke, reine Farben kombiniert mit den dominanten Farben Rot (als besonders leuchtender Ton) und Schwarz (als größter Kontrast zum weißen Papier) vermitteln einen insgesamt sehr lebhaften, expressiven und fröhlichen Eindruck. Dynamisch ist ebenfalls die Strichführung, vor allem im Bereich der mit so genannten Schwingkritzeln ausgemalten Flächen. Das Kind verfügt zugleich über konstante „Sinnzeichen" (Philipps 2004, S. 38), die für Mensch oder das menschliche Gesicht stehen. Diese Zeichenhaftigkeit ist völlig altersangemessen. Somit ergibt sich die Darstellung der Emotion Freude neben den nach oben gezogenen Mundwinkeln durch das expressive Element der im Vergleich zum Körper überdimensionalen Größe der beiden nach oben gereckten Arme der Siegerin inklusive der großen, geöffneten Handflächen. Deshalb ist ein Arm der Siegerin am größten, so groß dass er die Höhe der Flaggen sogar erreicht. Durch seine flächig dargestellten Finger ist er am differenziertesten entwickelt und zudem aufgrund der besonderen gestisch starken Strichführung auffällig. Emotionalität wird hier primär durch die Gestik ausgedrückt, weniger durch die Mimik.

Gesellschaftskritische Aspekte
Abbildung 2So wie die Zeichnung des sechsjährigen Benjamin ist auch das Bild der neunjährigen Kira auf ein gewöhnliches Zeichenblockpapier im Format A2 gemalt (Abb. 2). Die Komposition wird bestimmt durch die diagonale Teilung der Fläche: in ein helles Dreieck links unten und ein dunkles Dreieck rechts oben. Das Bild wirkt sehr lebhaft und bunt, unter anderem wegen greller Farben, insbesondere durch das leuchtende Hellgrün, das Orange und das Gelb im linken unteren Teil. Außerdem wird diese gleichmäßige Hell-Dunkel-Aufteilung unterbrochen durch beispielsweise ein helles Objekt im dunkeln Bereich – offenbar ein weißer Krankenwagen mit roten Schriftzeichen – und durch ein dunkles Objekt im hellen Bereich: ein braunes Siegerpodest. Lebhaft wirkt das Bild auch durch die vielen einzelnen kleinen Objekte und Details sowie durch die deutlich nach oben gereckten Arme einer im unteren Bildbereich dargestellten Person.

Für die Erläuterung einzelner Bildelementen werden Zeichen verwendet. Dies geschieht in Form von Zahlen (auf dem Pokal und den Medaillen) und asiatisch aussehenden Schriftzeichen (u.a. auf dem Krankenwagen und einer Packung). Die neunjährige Kira möchte ihre Objekte ganz genau benennen und will so mit ihrer Bildaussage verstanden werden. Der Mitteilungscharakter des Bildes dominiert. Indiz hierfür ist auch die plakatartige Gestaltung, um bestimmte Informationen und Botschaften für den Betrachter zu verdeutlichen. Die Olympischen Ringe schweben dominant wie eine Art Überschrift in der Blattmitte. Die (Gold-) Medaillen und ein gelb-goldener Pokal ragen von den Blatträndern in die Zeichnung hinein. Es bestehen nicht viele Überschneidungen; einer Collage gleich sind die Bildelemente auf die Bildfläche platziert.

Abbildung 2, DetailDie Aussage des Bildes kann zunächst als zweigeteilt benannt werden: In der linken unteren, hellgrün grundierten Bildhälfte werden die Olympischen Spiele anhand mehrerer Motive, Symbole und Zeichen dargestellt: (Gold-) Medaillen, Pokal, Figur am Siegerpodest und jubendes Publikum in Form von stilisierten Strichmännchen. Die Sportlerfigur ist von hinten zu sehen, reckt beide langen Arme in die Höhe und trägt rote Boxerhandschuhe. Sie wendet sich dem Publikum zu, scheint sich zu freuen und umjubelt zu sein. Außer den langen Haaren, mit denen allgemein eher eine Frau symbolisiert wird, sind keine geschlechtsspezifischen Merkmale zu erkennen. Mit der Jahreszahl 2008 auf den Medaillen wird gezielt und eindeutig auf die Olympischen Sommerspiele in Peking verwiesen. In der rechten oberen Bildhälfte, im dunkelgrünem bis braunen Bereich fallen Bildmotive auf, die mit den Olympischen Spielen nichts direkt zu tun haben: Krankenwagen, Totenkopfzeichen mit daran hängendem Korb mit Tieren, Babyflasche und Milchpackung, Käfig mit Tieren, Kriegspanzer und Friedhof. Unter dem Totenkopfzeichen befindet sich ein rotes, flaches Objekt, wahrscheinlich ein Sarg. Insbesondere durch die asiatisch anmutenden Schriftzeichen werden diese Bildobjekte dem Gastland der Volksrepublik China zugeordnet. Sie stehen für medial vermittelte Ereignisse aus dieser Zeit: Beispielsweise wird hier der Tiermissbrauch in China symbolisiert, von dem häufig Hunde betroffen sind (Abb. 2, Detail). Der Kriegspanzer links oben weist auf die Bedeutung des Militärs – auch gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt – hin. Durch verunreinigtes Milchpulver waren Anfang 2008 viele Kinder in China gestorben. All diese Aspekte kulminieren in dem grünen Totenkopfzeichen, dem Friedhof sowie dem Sarg.

Die genannten Ereignisse hat das Mädchen selbstverständlich nicht durch direkte eigene Erfahrungen kennen gelernt, sondern es sind gesellschaftskritische Motive aus der Erwachsenenwelt, die das Kind durch meist emotional getönte Medienberichte rezipiert hat. Es zeigt sich zum einen, wie stark diese begleitende Berichterstattung zu den Olympischen Spielen in Peking auch die Wahrnehmung Heranwachsender eines solchen sportlichen Großereignisses beeinflusst. Gefühle, nicht nur Freude oder Enttäuschung über Sieg oder Niederlage im sportlichlichen Wettkampf, sondern auch die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen werden für Kinder nach der Grundschulzeit offenbar immer wichtiger. Kira versucht bereits im Alter von 9 Jahren die medial gebotenen disparaten Informationen (zu China und zur Olympiade) für sich in eine gewisse subjektiv bedeutende Ordnung zu bringen. Dies geschieht auf eine solch collagierende und zugleich polarisierende Weise. Die Phänomene werden zugleich recht undifferenziert in einen hellen und dunklen, in einen guten und bösen Bereich gegliedert. Ferner wird deutlich, dass die Olympischen Spiele schon für Kinder und Jugendliche nicht frei sind von politischen und gesellschaftskritischen Themen; insgesamt sind die gesellschaftskritischen Aspekte sogar die Hauptaussage des vorliegenden Bildes. Kira versucht die medial vermittelten Informationen bildnerisch zu klären; das Mädchen nimmt Stellung und formuliert zugleich eine Anklage.

Thema Schwimmen
Abbildung 3Die vom fünfjährigen Jan im Querformat erstellt Buntstiftzeichnung (Abb. 3) ist horizontal in zwei etwa gleichgroße Flächen eingeteilt, wobei der untere Abschnitt durch die Farbe Blau, welche mit kräftigen Schwingkritzeln dynamisch gesetzt ist, stark dominiert. Durch die Überlagerung mehrerer dieser Kritzel entstehen verschiedene hellblaue und dunkelblaue Töne. Die obere Hälfte des Bildes ist zum größten Teil nicht ausgezeichnet, man sieht das weiße Papier und einige ebenfalls mit Schwingkritzeln gesetzte blaue Formen, die offenbar Wolken symbolisieren. Die Bildeinteilung in Wasser (unten) und Himmel (oben) wird dem Betrachter trotz der gleichen Farbigkeit sofort deutlich.

Dominant, fast in der Bildmitte, befindet sich eine mit schwarzem Stift gezeichnete menschliche Figur, die sozusagen auf der horizontalen blauen Wasserlinie „liegt"; wobei lediglich ein Arm nach unten in das Wasser hineinragt. Körper, Kopf und drei Gliedmaße sind oberhalb der Linie im „Luftbereich" platziert. Eine ähnliche menschliche Figur ist weiter rechts angeordnet. Diese ist weniger auffällig, da sie etwas kleiner und auch weniger detailliert gezeichnet sowie durch die gelbe Färbung weniger kontrastreich gestaltet ist. Beide Personen scheinen Schwimmbekleidung sowie eine Bademütze zu tragen. Der linke, dunklere Schwimmer trägt zusätzlich eine Schwimmbrille. Eine geschlechtliche Zuordnung ist aufgrund dieser Merkmale nicht gegeben.

Am linken Bildrand, etwa in der Mitte befindet sich ein braun gezeichneter L-förmiger „Klotz", welcher durch einen Strich mit einem runden Gegenstand nach oben hin verbunden ist. In der rechten oberen Ecke ist eine gelbe Sonnenform gezeichnet. Eine ähnliche Form befindet sich weniger deutlich im linken oberen Bereich des Bildes. Darunter liegt ein weiterer Kreis, mit einem Kreis in der Mitte, welcher ebenfalls mit gelber Farbe ausgezeichnet wurde.

Beide dargestellten Personen im Bild sind von rechts nach links in der Bauchlage beim Kraulschwimmen – heute offiziell Freistil genannt – dargestellt. Sie heben einen Arm und ein Bein aus dem Wasser. Der andere Arm befindet sich im Wasser, dessen Hand jeweils vergrößert und mit schwarzer Farbe markiert dargestellt wird, denn durch diesen aktiven Arm findet die Verdrängung des Wassers statt und somit das Vorankommen im Schwimmen seinen Ausdruck. Beide Arme sind nach dem Prinzip der größtmöglichen Richtungsunterscheidung rechtwinklig vom Körper weggestreckt angeordnet; wobei der außerhalb des Wassers nach oben gestreckte Arm eine markante nochmals rechtwinklige „Biegung" aufweist. Diese Arme sind in einer Art dargestellt, dass es auf den Betrachter so wirkt als solle ein Kraularmschlag gezeigt werden. Durch das Mittel der „Verdrehung" versucht das Kind bewusst eine Beugung des Armes darzustellen. Dies verweist entsprechend auf eigene differenzierte und bewusste Körpererfahrungen des fünfjährigen Jan beim Schwimmen. Der Kopf ist jeweils zur Seite gedreht, dem Betrachter des Bildes – also uns – fröhlich lächelnd zugewandt. Die tatsächliche Mimik beim Schwimmen, hier dem Kraul, ist freilich eine völlig andere: Der Mund ist beim Atmen über Wasser weit geöffnet oder unter Wasser geschlossen. Der Gesichtsausdruck ist somit hier symbolisch zu verstehen: Ein Gefühlszustand wird ausgedrückt, denn es ist ein Zeichen für einen zufriedenen Menschen; nicht die visuell wahrnehmbare Mimik beim Schwimmen wird dargestellt.

Vor dem Hintergrund dieses alterstypischen „Prägnanzdenkens" (Seidel 2007, S. 115), ist es bestens nachvollziehbar, dass der fünfjährige Jan die Körper der Schwimmer auf bzw. über die Wasserlinie setzt, denn sie sollen bestens zu erkennen sein und nicht vom Wasser verdeckt werden. Außerdem würde sonst die Gefahr bestehen, dass ein Betrachter das Bild so interpretieren könnte, als würden die Figuren gerade ertrinken. Das Eintauchen der aktiven Hand in das Wasser reicht somit symbolisch völlig aus.

Der im Bild auf der linken Seite gezeichnete Steg ist nicht auf Anhieb zu erkennen. Bei den Olympischen Spielen 2008 gab es erstmals ein Langstreckenschwimmen, nämlich den sogenannte Schwimm-Marathon über 10 km, das im offenen Gewässer ausgetragen wurde. Die Darstellung des Stegs bzw. Ufers könnte sich auf eine solche Wettkampfsituation beziehen.

Zusätzlich enthält die Szene die für den Jungen sicherlich besonders bedeutende erzählerische Dramatik eines Schwimm-Wettkampfs auf den letzten Metern: Dargestellt ist nämlich der Moment kurz vor dem Anschlagen am Beckenrand bzw. Steg, also kurz vor dem Sieg der Goldmedaille, welche sich bereits in greifbarer Nähe befindet: Es ist die gelb ausgefüllte „schwebende" runde Form mit einem weiteren Kreis in der Mitte zwischen dem dunklen Schwimmer und dem Beckenrand links. Entsprechend ihrer Bedeutung ist sie größer gezeichnet als beispielsweise die Köpfe der Schwimmer.

Thema Leichtathletik / Laufdisziplinen
Abbildung 4Der 8 Jahre und 10 Monate alte Oualid zeichnete mit Wachsmalstiften sein querformatiges Bild einer Laufdisziplin zu den Olympischen Spielen auf einen komplett gelben Untergrund (Abb. 4). Es zeigt vier von rechts nach links laufende Leichtathleten, die sich auf bzw. an einer dreigegliederten Laufbahn befinden. Dass es sich um eine Szene der Olympischen Spiele handelt, erkennt man unter anderem an den über den Läufern „schwebenden" olympischen Ringen sowie an einer hiermit kombinierten und mittig platzierten brennenden Fackel, das Olympische Feuer symbolisierend.

Das gesamte Bild ist räumlich in mehrere Streifen bzw. Zonen gegliedert: Unten und somit im Vordergrund befindet sich ein breiter durchgängig roter Streifen, der nach oben mit einer schwarzen Linie abschließt. Darüber, etwa bis zur Mitte des Blattes, sind drei schmale Streifen gesetzt, ebenfalls – allerdings nur zum Teil – leicht rot koloriert. Von unten nach oben sind diese schmalen Spuren mit den Ziffern 1, 2 und 3 links als Laufbahnen markiert. Über diesen schließt sich ein sehr breiter Bereich an, auf dem kurze Striche und Punkte in grüner und dunkelgrüne Farbe gleichmäßig verteilt sind. Symbolisch ist dies als Rasen zu deuten. Es wird sich aber wohl eher um eine sehr „abstrakte", ornamentale Darstellung von Publikum im Stadion handeln. Oder das Publikum wirft Konfetti zu Ehren der Sportler bzw. der Sieger. Zum oberen Blattrand hin schließen sich dann noch zwei schmale Streifen in Dunkelblau sowie Magenta an. Auf dem blauen Streifen links im Bild angeordnete zwei kleine Fähnchen vermitteln Tiefe und verstärkten somit insgesamt den Eindruck eines Blicks in ein Stadion.

Vor allem durch die lächelnd dargestellten vier Menschen sowie durch die farbige Blattausnutzung ergibt sich ein durchaus inhaltlich-intentionaler positiv-zustimmender Gesamtausdruck des Bildes. Die fröhliche Farbigkeit ist nicht zuletzt durch die insgesamt 13 verwendeten unterschiedlichen Farbtöne gegeben, welche zudem auf gelbem Untergrund sehr kräftig leuchtend wirken. Der Stellenwert der Menschendarstellung für die Motivstruktur des Bildes ist hoch, denn fast auf der Mitte und recht deutlich zu erkennen sind die vier Läufer in Bewegung. Hierdurch ergibt sich zudem ein dynamischer Eindruck.

Gemäß dem altersangemessenen Entwicklungsstand des Jungen sind die Menschen additiv aufgebaut, d.h. ein frontal zum Betrachter gerichteter Kopf sitzt auf einem quaderförmigen Leib inclusive Hals, der ebenfalls frontal zu sehen ist. An diesem Körper sind jeweils rechts und links ein Arm angebracht, von denen (bis auf den Läufer ganz links) immer einer nach oben und der andere nach unten gezeichnet ist. Mit einer kurzen, schwarzen Zickzacklinie werden die Hände eher konturiert angedeutet als voll dargestellt. Die Beine der Sportler sind in seitlicher Schrägstellung gezeichnet, sind mit verschiedenenfarbenen kurzen Sporthosen bekleidet und werden von unterschiedlich farbigen Schuhen je nach Person ergänzt. Es ist ersichtlich, dass der Junge mit arabischem Vornamen durchaus die ethnische Vielfalt der Sportler bei diesem Leichtathletik-Wettkampf zeigen möchte, indem er den Personen unterschiedliche Haut- und Haarfarben zuordnet. Unterstützt wird diese Diversität durch die jeweils sehr unterschiedlich farbige Kleidung. Zugleich zeigt sich eine Einheitlichkeit in der Darstellung, weil der Junge mit farblicher Variation stets auf das gleiche Darstellungsmuster zurückgreift; man beachte beispielsweise die Art der Augen, Ohren oder der Nase. Hiermit zusammenhängend ist im Sinne eines Wettkampfs auch nicht gleich zu erkennen, welcher Läufer eventuell gewinnen wird. Alle scheinen durch ihr ähnliches Aussehen und Lächeln motiviert am Wettkampf teilzunehmen, etwa nach dem Motto: „Dabei sein ist alles". Alle vier Figuren schauen den Betrachter im Lauf direkt an, und bis auf den linken Läufer haben sie den linken Arm nach oben gehoben, als würden sie uns, den Betrachtern, fröhlich zuwinken. Durch seine etwas andere Stellung der Arme mag der linke Läufer eventuell in der Spitzenposition des Feldes sein.

Die Zeichnung enthält durchaus Detailwissen. So bewegen sich die Läufer vom Inneren der Laufbahn aus gesehen von rechts nach links, also entgegen dem Uhrzeigersinn, was tatsächlich der Laufrichtung bei einem Sprint entspricht. Die Nummerierung der Bahnen ist ebenfalls korrekt: Die innere Bahn ist die erste. Die Armarbeit bei einem Sprint oder Lauf unterstützt die Geh- und Laufbewegung und gleicht die durch die Bewegung der Beine verursachte Pendelbewegung aus. Dies kennt Oualid offenbar selbst aus dem Sport. Seine Läufer winkeln jedoch die Arme noch nicht ab, sondern „biegen" sie, was der Entwicklungsstufe im Alter von 8 Jahren durchaus entspricht. Die Frontalansicht ermöglicht es zeichnerisch, die unterschiedlichen Bewegungen der Arme gut darzustellen, weshalb der Oberkörper frontal dem Betrachter zugewandt ist, während die Beine die Laufbewegung durch die Seitenansicht besser zeigen können. In der Kinderzeichnungsforschung wird dieses Merkmal mit „Simultanperspektive" (Seitz 2009, S. 60; Glaser-Henzer/Diehl/Diel Ott/Peez 2012, S. 73) bezeichnet.

Zusammenfassend wird deutlich, über wie viele Kenntnisse zu einem Stadion und über wie viel „Körper-Wissen" Oualid verfügt. Der fast neunjährige Junge gibt in seiner Zeichnung nicht nur Bewegungsabläufe bildnerisch wieder, sondern er klärt sie beim Zeichnen auch für sich selbst.

Abschließender Hinweis
Angesichts der eingangs genannten drei Funktionen einer Kinderzeichnung – Ausdruck, Kommunikation und Darstellung – soll abschließend ein Missverständnis, dem Erwachsene in Bezug auf die Kinderzeichnung häufig unterliegen, kurz angesprochen werden. Wenn Erwachsene eine Zeichnung vor dem Kind als „schön" benennen, ist dies zwar ein freundlich gemeintes Lob. Doch hat die Kinderzeichnung für das Kind nicht die Funktion „schön" zu sein. Dekoration ist keine Funktion der Kinderzeichnung, die das Kind intendiert oder die das Kind unmittelbar und pädagogisch sinnvoll unterstützt. Sondern es ist das Wichtigste, dass das Kind im Zeichnen Klärungen und Sinnzeichen für das findet, was es beschäftigt, von dem es berührt ist. Der Kunstpädagoge und Kinderzeichnungsforscher Knut Philipps bringt es auf den Punkt: In seinen Bildern „kann das Kind Erlebnisse, Vorstellungen, Wünsche, Vorlieben, aber auch Ängste und Konflikte sichtbar machen." Kinderzeichnungen „geben unvoreingenommen wieder, was Kinder erleben " (Philipps 2004, S. 38). Aus der Sicht der Forschung und der Kunstpädagogik sollten Erwachsene dementsprechend nicht die Kinder auf „Fehler" in ihren Zeichnungen hinweisen oder das Dekorative eines Kinderbildes betonen, sondern sie sollten genau hinschauen und mit dem Kind in ein Gespräch über sein Bild eintreten. Dann erfahren sie etwas über die Sicht des Kindes auf seine Welt.

Anmerkungen
Anm. 1 In folgenden Examensarbeiten Studierender der Lehramtsstudiengänge Kunst an der Universität Duisburg-Essen sowie der Goethe-Universität Frankfurt am Main (von Prof. Dr. Georg Peez betreut) aus den Jahren 2010 bis 2012 wurden Zeichnungen und Malereien aus dem Wettbewerb thematisiert.

Analyse von Kinderzeichnungen zum Thema Olympische Spiele. Darstellungen der Sportart Schwimmen.

Mediale Einflüsse auf Kinder- und Jugendzeichnungen zum Thema Olympische Spiele in Peking 2008.

Geschlechtsspezifische Unterschiede von Kinder- und Jugendzeichnungen zum Thema Olympische Spiele in Peking 2008.

Körper in Bewegung. Die Menschen-Darstellung in der Kinder- und Jugendzeichnung anhand der Darstellung olympischer Leichtathletik-Sportarten.

Aufgabenbezogenes Zeichnen und Malen im Grundschulalter exemplarisch untersucht am Thema Schwimmen.

Menschen im Raum – Studien zur räumlichen Darstellung von Publikum im Olympia-Stadion.

Die Darstellung von Emotionen in der Kinderzeichnung. Empirische Studien anhand von Beiträgen zum Mal- und Zeichenwettbewerb „Olympische Spiele – wie ich sie sehe".

Gesellschaftskritische Aspekte in Malerei und Zeichnungen von Kindern und Jugendlichen. Analysen zu Ergebnissen aus dem Wettbewerb „Olympische Spiele – Wie ich sie sehe".

Menschen- und Raumdarstellung in der Kinderzeichnung am Thema „Schwimmen". Interpretation von Kinderzeichnungen aus einem Mal- und Zeichenwettbewerb zum Thema „Olympische Spiele – wie ich Sie sehe".

Warum Kinder zeichnen wie sie zeichnen. Analyse von Siegerdarstellungen in Kinderzeichnungen eines Mal- und Zeichenwettbewerbs zum Thema „Olympische Spiele – Wie ich sie sehe!" – Eindrücke zu den Olympischen Spielen von Peking 2008.

Anm. 2 Das große, schwarze, runde Objekt in der linken Hand der drittplatzierten Person lässt sich aufgrund des Bildes alleine nicht deuten. Hierzu müsste ein Interview mit Benjamin erfolgen und Kontextinformationen müssten eingeholt werden, was auf die Grenzen der Analyse nur des Bildes verweist. In der Kinderzeichnungsforschung wird deshalb gegenwärtig, falls möglich, meist nicht nur auf die Zeichnung zurückgegriffen, sondern es werden auch Videos des Zeichenprozesses erstellt und Interviews mit den zeichnenden Kindern geführt (Peez 2010; Glaser-Henzer/Diehl/Diel Ott/Peez 2012).

von Elena Jung, Michelle Kläre, Georg Peez & Melanie Scheer (Institut für kunstpädagogik, Goethe-Universität Frankfurt)

 

Literatur
Fritzsche, Marc: Kooperation von Sport- und Kunstpädagogikverbänden, 2500 Einreichungen beim Malwettbewerb „Olympische Spiele – wie ich sie sehe!", In: BDK-Mitteilungen, Heft 2, 2009, S. 39–41.
Glaser-Henzer, Edith / Diehl, Ludwig / Diehl Ott, Luitgard / Peez, Georg: Zeichnen: Wahrnehmen, Verarbeiten, Darstellen. Empirische Untersuchungen zur Ermittlung räumlich-visueller Kompetenzen im Kunstunterricht. München (kopaed) 2012.
Peez, Georg: Überblick und Ausblick – Forschungsmethoden zur Kinderzeichnung und zum jugendkulturellen Ausdruck in der Kunstpädagogik. In: Kirchner, Constanze/ Kirschenmann, Johannes/ Miller, Monika (Hg.): Kinderzeichnung und jugendkultureller Ausdruck: Forschungsstand Forschungsperspektiven. München (kopaed) 2010, S. 521–546.
Philipps, Knut: Warum das Huhn vier Beine hat. Das Geheimnis der kindlichen Bildsprache. Darmstadt (Knut Philipps Verlag) 2004.
Richter, Hans-Günther: Die Kinderzeichnung. Entwicklung – Interpretation – Ästhetik. Berlin (Cornelsen) 1997.
Seidel, Christa: Leitlinien zur Interpretation der Kinderzeichnung. Praxisbezogene Anwendung in Diagnostik, Beratung, Förderung und Therapie. Lienz, Österreich (Journal Verlag) 2007.
Seitz, Rudolf: Kreative Kinder. Das Praxisbuch für Eltern und Pädagogen. Herausgegeben und bearbeitet von Marielle Seitz. München (Kösel) 2009.
Wichelhaus, Barbara: Ausdrucksmöglichkeiten im Bereich der Handzeichnungen in der Entwicklung des Kindes und Jugendlichen. In: Zeitschrift für Kunstpädagogik, Heft 1, 1984, S. 13–16.

Abbildungen
Schaubild 1 „Drei Qualitäten einer Zeichnung" (Richter 1997, S. 368) (Wichelhaus 1984, S. 14)
Abb. 1 Zeichnung von Benjamin, 6 Jahre und 4 Monate alt
Abb. 2 Zeichnung von Kira, 9 Jahre alt
Abb. 3 Zeichnung von Jan, 5 Jahre alt
Abb. 4 Zeichnung von Oualid, 5 Jahre 8 Jahre und 10 Monate alt